Irgendwie nicht unbekannt …

diese Polarisierung, wie der Raucherkneipen-Effekt: Es geht nur dafür oder dagegen, wer auch nur eine Sekunde über diese neuen Bauernfänger im Parteienolymp nachdenkt, wird von beiden Seiten verprügelt.

Freibierparteien gab es schon viele, warum jetzt diese Aufregung? Rep, NPD und Co. gestalteten ihr Programm aus Empörungsphrasen, Theken-Heilslehren mit Bierdeckel-Horizont. D-Mark zurück, Ausländer raus, den Kaiser zurück, und natürlich Freibier. Das Geschäftsmodell ist lukrativ, ein Weilchen Phrasen dreschen und dann Diäten kassieren.

Die Aufregung über sie hat allerdings Hintergründe, die uns beschäftigen sollten:

Zum Einen: Sie nähren sich aus den 40% Nichtwählern, dem geistigen Prekariat ohne politische Integration, das bislang irgendwie mitgemacht und niemanden gestört hat. Mit Thekensprüchen entlockt man ihnen jetzt massenhaft Wahlkreuze und schmälert die Pfründe der Platzhirsche.

Nicht DAS, sondern WIE man sie mobilisiert hat, ist zutiefst erschreckend. Sie folgen blind den berechnenden Heilsrhetorikern. Was aber passiert, wenn wirklich Probleme auftauchen, wenn Wasser, Strom und Geld nicht mehr aus der Wand kommen, wenn den magischen Potenzverstärkern der Sprit fehlt? Wie schnell wird dann eine orientierungslose, mehrheitskritische Masse dem erstbesten Führerkandidaten blind und blutig folgen? ‘Wir sind das Volk’ ist hier keine aufgeklärte Demokratie-Einforderung, sondern das Begleitgeräusch einer sozialen Mure, das Vorbeben einer unbezwingbaren Naturgewalt.
Diese Gefahr war nach ’45 nicht gebannt, sondern ausschließlich im Tagesgeschäft verdrängt. Die Menschlichkeit, die so quälend langsam aus dem friedlichen Leben erwächst, ist in einer Hundert-Millionen-Gesellschaft so instabil wie ein Kalifornischer Kiefernwald im Spätsommer.

Die Tagesdecke der Ingenieursdemokratie ist verrutscht, und was darunter wieder sichtbar wird, könnte unsere letzte Warnung sein.

Zum Anderen: Sind nur diese Provokateure die Lügner und Blender? Der Hochstapler hat nicht nur getäuscht, er hat vor allem die Leere der Herrschaft bewiesen. Keine der etablierten Parteien wird auch nur eine einzige Wahlversprechung halten. Statt für Schulen, Kitas und Infrastruktur werden sie alle die Gelder an die Privilegierten und Lobbys ausgeben und in geheimen Sitzungen und Verträgen das Land verraten. Nicht gelegentlich oder ansatzweise, sondern sozusagen hauptamtlich und professionell.
Obwohl das praktisch jeder weiß, machen alle sorgfältig ihr Kreuzlein.

Ein Wahlprogramm, aus Thekensprüchen und Empörungsphrasen zusammengestoppelt, ist von den Gut-und-Schön-Versprechungen der anderen erschreckend wenig zu unterscheiden. Bei den Plattitüden ist vielleicht noch eher erkennbar, daß sie nur dem Stimmenklauben dienen. Aber z.B. die Phrasen vom bezahlbaren Wohnraum, der nur auf dem Tempelhofer Feld möglich gewesen wäre, um dann Milliardenwerte privatisieren zu können, sind von ganz anderem Holz. Dies ist der Theaterdonner des systematischen Landesverrats. Wie erfrischend offensichtlich wirkt dagegen das Bierdeckelgepolter der Provokateure. Sie verdienen vielleicht sogar den Ehrenpreis der Politsatire, denn sie demonstrieren uns, wie weit sich dieses politische System des unbesiegbaren Parteienfilzes von einer Interessensvertretung der Bürger entfernt hat.

Natürlich werden diese Bauernfänger nicht ‘den Parteienfilz bekämpfen’, in dem sie selbst wildern, sie fordern ja zugleich ‘Kapitalismus ohne Hemmnisse’ usw. Und natürlich FREIBIER!

Aber ihr tumbes Toben hat uns geweckt. Es ist viel Fäule im Staate Dänemark, und der Gestank geht kaum von ihnen aus. Sie verwirbeln ihn nur.

Irgendwie hängt er schief…

… mein Kandidat, an dieser Laterne. Er ist nicht allein, aber es ist in diesem heißen Herbst nicht so schlimm, wenn die Laternen verhängt werden: Sonnenlicht gibt’s ja reichlich.

Seid meiner Kindheit hingen Kandidaten an den Laternen, um dann plötzlich auf LKWs geworfen zu werden. Sie sind durch ein Kreuz erlöst worden, raunte es in der Volksschule.

Jetzt, in Berlin, hängen wirklich viel daran, und teilweise ist der Platz so eng, daß sie seitlich ausweichen müssen … dann sieht man wirklich ein Kreuz. Abendländische Leit-Ikonographie.

Eine verläßliche Konstante: Man sah sie nur an Laternen, aber nie persönlich. Bürger, Abgeordnete, zwei völlig getrennte Welten. Dann aber stand der Joschka vor meiner Tür. Ein leger-schicker junger Mann, fast schüchtern, weit entfernt vom politischen Handelsvertreter oder der Talkshow-Rampensau. Ich hielt ihn zunächst für einen neuen Nachbarn, der ein Päckchen abholen wollte.

Ich war höflich, er war höflich, auch als ich ihm gestand, daß meine 100%-THF-Initiative den Lobby-Aktien seiner Partei sehr geschadet hatte. Er wolle sich für meine Bürgerinteressen einsetzen. Aha. Der persönliche Kontakt wäre ihm wichtig. So so. Wir verblieben, daß wir später mal ins Gespräch kommen könnten.

Im Internet-Zeitalter Hausbesuche, Auge in Auge mit dem Wähler, persönlich um die Stimme bitten? Man kann sagen was man will, es hinterläßt Wirkung. Kann dieser schüchterne junge Mann ein Betrüger sein?

Nun, man sollte die Werbeblättchen einfach einmal lesen. Schulen, Kitas, Kinder-Chancen verspricht mir Herr L. in seiner Broschüre. Aber er hat im Abgeordnetenhaus brav die Hand gehoben, als die Haushaltsmillionen an die Lobbys verschoben wurden: A100, BER, geheime Geschenkverträge, Privatisierungsraubzüge, ergänzen Sie selbst. …

Ja, der junge Parteifunktionär kann und will ein Betrüger sein. Seine Kariere plant er in einer Körperschaft des geheimen Unrechts, und er tritt ohne Scham vor meine Wohnungstür, um mir ins Gesicht zu lügen.
(Vielleicht Pflichtteil der Parteischulung, junge Schauspieler müssen z.B. kellnern …)

Auf der Rückseite seines Fangzettels sehen Sie übrigens das mühsam lächelnde Konterfei des Herrn Müller, der biedere Verwalter der Berliner Bürgerkelterei, schlicht und gründlich, ideenlos und ersetzbar, irgendwann vielleicht durch einen dann biederen Herrn L.

Hier Hausbesuche, dort Kindlein knuddeln, Menschen wie Du und Ich? Ja, eben, und diese Menschen können unter diesen Verhältnissen zugleich die Kindlein wickeln und die Bürger verraten. Keine Elite, nichts Höheres, biederes Mittelmaß auf Posten.

Die Banalität des Zahnrades, welches getrieben das Böse treibt.

(Aber diese schicke Brille …)

Irgendwie wäre ich gerne ohnparteiisch …

…aber ich muß eben meine einzige Stimme an eine Partei abgeben. Sagen die Parteien.

Die Parteien sagen auch, das auf ihnen die Demokratie basiert, die wir, wie sie sagen, haben. Jedenfalls, wenn sie erst einmal im Besitz meiner Stimme sind, und ich dann eben stimmlos.

Theoretisch dürfte ich auch einen Parteilosen wählen wollen. Aber wie? Da müßte jemand in einem Wahlbezirk auf eigene Kasse gegen alle etablierten Parteien antreten, die ihre Köpfe steuerfinanziert an tausend Laternen hängen können. Wo sollte der sonst noch in der Öffentlichkeit erscheinen? In den Talkshows der Sender, wo bis zum Hausmeister Parteienproporz herrscht?

Und wozu? Säße er im Abgeordnetenhaus, würden die Funktionäre ihm lächelnd auf die Schulter klopfen und in den geheimen Ausschüsse der Fraktionen verschwinden.
Er könnte für mich maximal über Transparenz meditieren …

Die Parteien haben sich das Fraktionsrecht in unsere Verfassung geschrieben, ebenso wie die Geheimhaltung gegen uns Bürger. Sie verwalten ihre Diäten und den Intershop für die Lobbys. Die Richter, Staatsanwälte, die Intendanten und leitenden Beamten … alle sind vom Parteiproporz eingesetzt, und damit, bitte sehr, wem verpflichtet?

Der Chor der Parteisoldaten hebt jetzt den freiheitlich-demokratischen Moralfinger. Hätte ich denn schon all diese finsteren Zeiten vergessen, in denen mein Schicksal von einer Einheitspartei bestimmt wurde, die von den Schulbüchern bis zu den Fernsehnachrichten alles diktiert hatte? Die geheime Politik mit geheimen Verträgen gemacht hat, die nur Getreuen Karrieren ermöglicht und die Haushalte mit Staatsplanung ruiniert hat? Autobahnen und Flughäfen im 5-Jahres-Plan, und dann doch bröselig und verraucht?

Diese finsteren Zeiten sind nun alle vorbei und vergessen, sagen sie mir. Wir können endlich unsere Partei frei wählen, und zwar mit der für den freien Westen typischen, fast unübersichtlich üppigen Auswahl. Wie beim Telefontarif. Oder der Post. Oder der Bahn.

Stimmt, solche finsteren Zeiten will keiner mehr.

Kommste mir pampich, Erich, wähl ick n’ Honnecker!

Nur wer beherzt zur Wahl geschritten und in innerer Einkehr und Ausdauer nach der Differenz gesucht hat, kann danach ruhig schlafen gehen. Wählers Nachtgebet.

(Mir träumte neulich, wir hätten das organisierte Verbrechen komplett verhaften können, weil dieses so dumm war, die Gesichter aller Beteiligten öffentlich zu plakatieren …)

irgendwie durch den Wind

Also, was sagt man da?!
Der Kerl kommt von hinten, zieht ihm das Portemonnaie aus der Hosentaschen, das ist böse, öffnet es in aller Ruhe und holt sich die Scheine heraus, das ist dreist, klopft dem Bürger auf die Schulter und übergibt ihm das geleerte Leder, das ist frech, und geht ruhig davon, das ist unverfroren, dann schaut der Bürger in sein persönliches Schutzbehältnis, das ist verständlich, findet darin nur noch einen kleinen Schein, das ist tragisch, hält den Schein erschrocken in die Höhe, das ist nachvollziehbar, rennt los und stoppt den Dieb, das ist überfällig, und … gibt ihm den letzten Schein unter Verneigung und Gruß, das ist …

Die Bagger rollen über das frisch geerbte Flugfeld, und nicht einer hat die kleinen Handlanger aus den Maschinen geholt, die Verwaltungshelfer recherchiert oder die Namen der Freibeuter an die Wand geschrieben.
Millionen Berliner renovieren ihre Schulen selbst, hoppeln über Schlaglöcher, warten auf Kitaplätze und … halten ihr Portemonnaie hin.

Berlin ist ein Service-Paradies, jedenfalls für Diebe.

 

 

irgendwie windig

Man dürfte schon sprachlos sein. Man könnte schon weglaufen wollen.

Aber dieser Wind, wenn er durch die gemischten Karten zieht…

Ich stelle mir vor, daß sich morgens auf dem Feld der September-Wahl-Nebel lichtet und all die geheimen Verträge auf den Flugbahnen liegen, die verdeckten Strategien, die dezenten Anweisungen an die Behörden, die Gefälligkeitsnotizen, die kopierten Ausschreibungsmappen, die Wunschzettel, die Namen der verdeckten Rhetoriker und all die Sachen, die wir noch nicht einmal ahnen und nie wissen wollten. Komm, ins Offene, Freund